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Thomas Fürbaß
 
 

Der homo aviator minimalis

von
Thomas Fürbaß


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Der homo aviator minimalis ist eine durch natürliche Selektion entstandene Untergattung des homo sapiens erectus (ordinärer, fast aufrecht gehender Höhlenmensch). Er gehört zur Spezies der (Höhen)-Luft atmenden, lebend gebärenden Säuger. Sein selbst erklärtes Ziel ist es, mit möglichst wenig (daher der Name "minimalis") technischer Hilfe, unter Ausnutzung der in der Natur vorhandenen Kräfte, möglichst lange in der Luft zu bleiben. Der Biologe unterscheidet dabei zwei Hauptgruppen:

a) Pilotus delta aluminium skeleton (Drachenflieger)
b) Pilotus paraglide skeleton deficit (Gleitschirmflieger)

Bei der Gruppe a) sei der Vollständigkeit halber, noch der pilotus rigidus wing (Starrflügelpilot) erwähnt, der aber wegen seiner momentanen, geringen Populationsdichte nicht weiter betrachtet werden soll. Allerdings ist bei den gegenwärtigen Wachstumsraten eine gleitschirmähnliche, epidemieartige Ausbreitung nicht mit letzter Gewissheit auszuschließen.

Der pilotus delta aluminium skeleton (Drachenflieger)

Er steht seit der Erfindung des Gleitschirmfliegens auf der "roten Liste", d.h. es handelt sich um eine akut vom Aussterben bedrohte Unterart des homo aviator minimalis. Bestrebungen arterhaltende, gleitschirmfreie Schutzgebiete und Refugien für ihn einzurichten, in denen er ungestört seinem artgerechten, instinktiven Verhalten nachgehen kann, blieben bisher größtenteils erfolglos. Leider muss der DHV (Diplomatischer Homo Vertreter) auf Arterhaltungsmaßnahmen wie z.B. Kaufpreissubventionierung beim Erwerb von Hängegleitern, oder Verlosung von Befähigungsnachweisen in Fußgängerzonen mangels finanzieller Mittel verzichten.

Typische Merkmale, mit deren Hilfe er leicht zu identifizieren ist, sind: Hängegleitermotive auf der teilweise vernachlässigten Kleidung, sowie Alu-Leitern auf dem Dach seines ungepflegten Autos. Er ist Spätaufsteher aufgrund seiner ausufernden, nocturnalen Lebensweise. Dennoch fällt der eine oder andere bei der Beantwortung von Zuschauerfragen durch phänomenale Kenntnisse der aerodynamischen Gesetze und der meteorologischen Zusammenhänge auf. Er ist hauptsächlich in Berufsgruppen anzutreffen, die an sonnigen Werktagen ein unbemerktes, nachmittägliches Abschleichen vom Arbeitsplatz ohne Konsequenzen tolerieren. Zur Kennzeichnung seines Reviers hinterlässt er schon mal verbogene Steuerbügelrohre oder abgebrochene Segellatten auf der Landewiese.

Er ist ein großer Verfechter des unbefleckten, motorlosen Fluges und stuft dabei Motorflieger gerne als geistig minderbemittelte Artgenossen ein, weil sie den Kampf mit den Naturgewalten ums Obenbleiben entweder scheuen oder als Schwanzeinzieher bereits davor kapituliert haben. Ist allerdings eines ihrer ULs mit einer Schleppkupplung ausgerüstet, läßt man sich gerne wohlwollend von einem der intelligenten UL-Piloten unter die nächste Wolke schleppen. Gerüchte, dass die gefährliche Lebensweise des pilotus delta aluminium skeleton die durchschnittliche Lebenserwartung der Gattung homo sapiens erectus senkt, konnten eindeutig widerlegt werden. In einem gleitschirmfreien Gebiet im Nordschwarzwald wurden überraschend zwei stattliche Exemplare mit über 75 bzw. mit deutlich über 80 Jahren registriert.

Durch das häufige Schultern der immer schwerer werdenden Fluggeräte hat sich die Anatomie des Drachenfliegers, insbesondere die Form der Wirbelsäule wieder in die leicht gebückte Haltung des homo neanderthalensis zurück entwickelt ("Quasimodo-Syndrom"). Beim pilotus distanzis maximus (Streckenflieger) fallen, im Vergleich zum pilotus vulgaris (gewöhnlicher Pilot) bzw. pilotus de pläsier (Genussflieger) die ausgeprägte Nackenmuskulatur (Stiernacken) und die stets leicht angewinkelten Ellenbogengelenke auf. Auf das Streben nach immer höheren Durchschnittsgeschwindig-keiten, hat die Evolution bei ihm bereits mit der Verlängerung der vorderen Streckenflieger-Extremitäten reagiert, um ihm so jederzeit die Plazierung der Speedbar weit jenseits der Kniescheibe zu ermöglichen. Individuen, die die Streckenfliegerei übertreiben, zur Leistungssteigerung vielleicht sogar einen "EXXZESSI" (Starrflügler) fliegen, riskieren im Alter weitsichtig zu werden. Um lange Flugzeiten besser zu verkraften, hat sich beim pilotus distanzis maximus ein dickeres Unterhautfettgewebe im Nabelbereich (Wampe) als vorteilhaft erwiesen, da es für komfortables, schmerzfreies Liegen im Gurtzeug sorgt.

Der pilotus paraglide skeleton deficit (Gleitschirmflieger)

Was die absolute Anzahl und die Verbreitung anbelangt, ist er dem Drachenflieger eindeutig überlegen. Typische Merkmale sind: Das coole Outfit, der leicht introvertierte Blick unter dem gut ausgeprägten Überaugenwulst, das unverbindliche Verhältnis zu den Ausweich- und Hangflugregeln und das massenhafte, heuschreckenähnliche Auftreten im Fluggelände. Um das Wetter kümmert er sich wenig, solange es hoch geht. Während des Fluges hält er ihm zu nahe kommende Kollegen durch Ausstoßen von Grunzlauten auf Distanz.

Als Lebensraum bevorzugt er baumlose Viehweiden, die er mit Erfolg als Start- bzw. Landewiese zweckentfremdet. Willkommener sind ihm jedoch Landeplätze, die direkt neben einer Seilbahn-Talstation liegen, wo man in unmittelbarer Nachbarschaft eine "Après"-Gleitschirmhütte betreibt, in der er nach einem "Absaufer" noch einen "Absacker" zu sich nehmen kann. Er weiß alles über Einklapper, Stalls, Ablösungen und Inversionen und die unglaublichen Glücksfälle seiner ihm unterlegenen Konkurrenten (Drachenflieger), die es wieder einmal geschafft haben, länger oben zu bleiben als er. Er ist ein großer Erklärer der widrigen Umstände, die ihn "absaufen" ließen und von brenzligen Situationen, in die er sich selbst hinein manövriert hat, um seine brillanten, fliegerischen Qualitäten unter Beweis zu stellen. Auf Partys ist er ein phantastischer, gerne im Mittelpunkt stehender Erzähler seiner abenteuerlichen Erlebnisse, die er in immer wieder neu gefasster, dramatisierter Form spannend an den Mann, aber viel lieber abendfüllend an junge Damen zu bringen weiß.

Wenn der erfahrene pilotus paraglide skeleton deficit seinen steinernen Bau mit Flugabsicht verläßt, tritt er weder mit Kopulationspartner noch mit seinem Nachwuchs, sondern ausschließlich zusammen mit seinem fußstartfähigen Fluggerät in Erscheinung. In den seltenen Fällen, bei denen wider Erwarten ein begleitendes Weibchen am Start- oder Landeplatz gesichtet wird, handelt es sich in der Regel um eine - nach erfolgreicher Balz - noch taufrische Paarbildung während der lebenslangen Brunftzeit. Er betrachtet Drachenflieger als Spinner, weil er immer wieder miterlebt, wie sie sich keuchend und schwitzend - ihr schweres Alu-Gestänge schleppend - von der Seilbahn-Bergstation zum Startplatz kasteien.

 

Beiden Gattungen gemeinsam ist das gelegentlich auftretende, schwach ausgeprägte Merkmal der leicht nach oben verdrehten Augen, das fälschlicherweise oft als Frömmigkeit ausgelegt wird, was jedoch vom ständigen Blick zum Himmel, bei der krampfhaften Suche nach thermikträchtigen Wolken kommt. In langjährigen Beobachtungsstudien fiel die merkwürdige, jahreszeitliche Körpergewichtsschwankung des homo aviator minimalis auf. Das geringere Gewicht im Sommer, so vermuten Experten, ist auf die erhöhte Flugaktivität und den damit verbundenen höheren Gesamtenergieverbrauch zurückzuführen. Außerdem stellte sich heraus, dass er bei der Suche nach passenden Fluggebieten an den wenigen fliegbaren Tagen, sich nur ungenügend mit adäquater Nahrungsaufnahme beschäftigt. Obwohl er zur Gruppe der Omnivoren (Allesfresser) zählt, hält er sich in dieser Zeit überwiegend mit Trockenfutter (Müsli-Riegel, angereichert mit Jod-S11-Körnchen) und koffeinhaltiger Limonade ("roter Hornochse") am Leben, was seinen sowieso schon dekadenten Gebisszustand nicht gerade fördert. Von Depressionsphasen verursachtes, übermäßiges Frust-Fressverhalten in den Wintermonaten, begleitet von tagelanger, lethargischer, winterschlafähnlicher Passivität, verursachen teilweise massive Gewichtszunahmen. Vereinzelte Exemplare versuchen sich dieser fliegerischen Durststrecke durch kurzfristige, zugvogelähnliche Ausreise in südliche Gefilde zu entziehen, um das Leiden unter den Entzugserscheinungen zu lindern. Dabei fliegen sie nicht wie die Zugvögel selber zu ihrem Entspannungsort, sondern sie wählen die kraftschonende Methode und vertrauen sich und ihr Fluggerät den Kollegen mit den düsengetriebenen Höllenmaschinen an. Wegen ihrer, von der Temperatur abhängigen Aktivität, werden beide Hominiden-Vertreter irrtümlich oft der Familie der Reptilien (Wechselwarmblüter), bzw. den Nachfahren des prähistorischen Flugsauriers "Archäopteryx" zugeordnet. Anale Messungen der Körpertemperatur haben jedoch die für Warmblüter typische Temperaturkonstante von 37° C bestätigt.

Dieses Porträt des homo aviator minimalis beruht auf neuesten Forschungserkenntnissen und soll - indem es die charakteristischen Besonderheiten aufzeigt - das gegenseitige Verständnis der einzelnen Untergruppen fördern (Nur keinen Streit vermeiden!). Bei dem erst kürzlich entdeckten Fund eines ahnungslosen Fußgängers, handelt es sich mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit um einen 12,5 Millionen (!) Minuten alten, versteinerten "Outrigger" eines unbekannten Urdrachens, der sicherlich einen weiteren Beitrag zu neuen Erkenntnissen liefert und spannende Geheimnisse zu lüften vermag.

 
 

 

Wissenschaftliche Berater: Paläontologe und Archäologe Prof. Dr. F. Ossil, Autor des Buches "Die Buddelbrooks"
Ornithologen: Dipl. Fink (FH) Amseln Star u. Ingo Flam (veröffentlichten ihre Diplomarbeit "Gleitzahlbestimmung des gemeinen Wellensittichs, bei völligem Verzicht auf Tierversuche")
Anatomie: - Fachärztin Frau Dr. Ellen Bogen
Ernährungsexperte: Dr. med. Wurst